Shi Chuan Pai Kung Fu

Deeskalatives Kampfkunstsystem

I) Bodhidharma - Wegbereiter des Kung Fus in China

Eine zentrale Rolle bei der Entstehung des Kung Fus in China spielt der indische Mönch Bodhidharma, der zwischen 440 und 530 gelebt haben soll und als der 28. Nachfolger Buddhas gilt. Der Name Bodhidharma bedeutet in etwa "der durch die Lehre Erleuchtete" oder "die Gesetze Buddhas" und ist wahrscheinlich ein Pseudonym, das er sich im Laufe seines Lebens zugelegt hat. Sein ursprünglicher Name ist heute nicht mehr bekannt. Bodhidharma ist Königssohn und deshalb das bequeme Leben bei Hofe gewohnt und in der den Adeligen vorbehaltenen ostindischen Kampfkunst Vairamushti ausgebildet. Mit zunehmendem Alter beginnt er allerdings am Sinn des verschwenderischen Lebens der Reichen zu zweifeln und widmet sich ganz der Ausübung und Verbreitung des Buddhismus.

Zwischen 480 und 520 reist Bodhidharma nach China und lehrt im Shaolin-Kloster, dass sich Geist und Körper wechselseitig beeinflussen und eine Einheit bilden. Zur Entwicklung von körperlicher und geistiger Stärke setzt Bodhidharma Übungen ein, die Atmung, Konzentration, Muskelkraft und Reaktionsvermögen der Shaolin-Mönche verbessern sollen. Damit schafft er die Grundlage für eine Reihe von chinesischen Meditations- und Kampfkunstsystemen, von denen als zwei der wichtigsten das Chigong und das Quanfa (Kung Fu) zu nennen sind.

Bodhidharmas Bemühungen fallen auf fruchtbaren Boden, denn Kampfkünste haben in China eine lange Tradition. Es gibt Berichte, die der Überlieferung nach auf das Jahr 2600 v. Chr. zurückgehen, in denen besondere kriegerische Auseinandersetzungen erwähnt werden. Der Sieg ist dabei von derjenigen Partei errungen worden, deren Soldaten ein relativ urtümliches Kampfsystem - das Chiaoli oder Juedi - angewendet haben.

In der Folgezeit werden Kampfkunstsysteme entwickelt, die vor allem als Geheimlehren den Adeligen Chinas vorbehalten bleiben und erst langsam zur Ausbildung von Soldaten genutzt werden. Hierbei spielt bis ins 6. Jahrhundert die Optimierung von Fuß-, Knie- und Handtechniken eine zentrale Rolle.

Im Shaolin-Kloster werden Bodhidharmas Grundübungen im Laufe der Zeit verfeinert und schließlich zu den "Achtzehn-Händen-der-Buddha-Schüler", den Shi-ba-lou-han-shou verändert. Die Shi-ba-lou-han-shou gelten heute als Basis der Waijia, der "äußeren Schule" und damit als Basis asiatischer Kampfkunstsysteme. Darüber hinaus bleibt eine Verbindung von Chigong (gehört zur "inneren Schule": Neijia) und Kampfkunst bestehen, so dass sowohl die Atmungs- und Meditations- als auch die Kampfkunstübungen weiterentwickelt werden. Unter anderem entstehen festgelegte Bewegungsabläufe gegen imaginäre Gegner (chin.: Lu oder Kuen, jap.: Kata), die als "Formen" bis heute weitergegeben werden. Obwohl die Sifu (chin.: Vater, väterlicher Lehrer, väterlicher Berater) bemüht sind, die Formen so genau und unverändert wie möglich zu erhalten und weiterzugeben, schleichen sich beim Tradierungsprozess über einen so langen Zeitraum ungewollt immer wieder kleinere Veränderungen ein, so dass wir mittlerweile nicht mehr ganz genau sagen können, wie die ursprünglichen Bewegungsabläufe wirklich ausgesehen haben. Heute gibt es alleine in China über fünfhundert verschiedene Stile mit zum Teil übereinstimmenden, zum Teil abweichenden Formen.

Das Ende Bodhidharmas ist unklar. Während einerseits berichtet wird, er sei nach Indien zurückgekehrt und ermordet worden wird andererseits gesagt, dass er im Jahre 528 oder 530 in China gestorben sei. Vieles um die Person Bodhidharmas erscheint rätselhaft und legendenumwoben und es muss der Vollständigkeit halber darauf hingewiesen werden, dass der Einfluss Bodhidharmas auf das Shaolin-Kloster und auf die Entwicklung des Kung Fus historisch nicht eindeutig nachgewiesen werden können.

II) Der Weg ist das Ziel

Wie dem auch sei. Mit seinem Namen ist die Entwicklung einer lange Jahre geheimge-haltenen Kampfkunst verbunden, die nur an würdige Schüler mit der richtigen Einstellung weitergegeben worden ist. Voraussetzung zum Erlernen des Kung Fus ist vor allem ein respektvoller Umgang mit allen Lebewesen und der Wunsch gewesen, diszipliniert an den eigenen Schwächen und Stärken zu arbeiten. Wenn wir heute von Kung Fu sprechen, so meinen wir sorgfältiges Studieren, ständiges Wiederholen des Gelernten, harte Arbeit und Gescklichkeit üben.

Bei dieser Definition wird deutlich, dass in China Kung Fu nicht nur mit der Kampfkunst verbunden wird, sondern mit jeder Tätigkeit, die meisterlich ausgeführt wird und auf die oben genannten Kriterien zutreffen. So kann das Backen eines Brotes oder das Bauen eines Hauses ebenso Kung Fu sein wie das Zubereiten einer Tasse Tee oder das kunstvolle Zusammenstellen eines Blumengestecks.

Anders als in der asiatischen Lebenswelt ist im wissenschaftlich-technisierten Kulturkreis westlicher Prägung nicht die Achtung vor der Tradition, sondern die Orientierung am Erfolg, das Preis-Leistungs-Denken im Mittelpunkt. Diese Sichtweise der Welt macht uns das Nachempfinden der tiefen religiösen Verbundenheit des Kung Fus mit der Mitwelt nur sehr schwer möglich. Dennoch sollten wir bemüht sein, außer dem Erlernen und Verbessern äußerlicher Kampftechniken auch innere Werte wie Demut, Respekt und Bescheidenheit nicht aus den Augen zu verlieren. Sie gehören untrennbar zum Kung Fu dazu.

III) Kung Fu in Deutschland

Die Geschichte des Kung Fus in Deutschland beginnt mit Al Dacascos, der 1942 als Halbchinese auf Hawaii geboren wird und Mitte der 70er Jahre nach Hamburg kommt, um zusammen mit seiner Frau Malia seinen Kung Fu Stil, das Wun Hop Kuen Do, zu unterrichten.

Al Dacascos ist ein Schüler von Sid Asuncion und Adriano Sonny Emperado, der mit seinem Bruder Joe Emperado bei William Kai Sun Chow dem Begründer des Hawaiian Kempo Karate studiert hat. Adriano Emperado, geboren 1926 auf Hawaii, gründet 1947 gemeinsam mit vier weiteren Kampfkünstlern das Kajukenbo, das am einfachsten mit "die Kunst des Straßenkampfs" übersetzt werden kann und die wichtigsten Elemente verschiedener Kampfkünste (Karate, Judo, Jiujitsu, Kempo, Chinesisches Boxen) zu einem Stil verbindet.

Sifu Al Dacascos kehrt 1982 zurück in die USA. Heute unterrichten seine Meisterschüler - unter anderem Sifu Christian Wulf - besonders im norddeutschen Raum an über 30 Schulen das Wun Hop Kuen Do.

Ein für das Shi Chuan Pai Kung Fu ebenfalls wichtiger Stil ist das Si Fang Chuan, das von Sifu Christopher Yim, einem Schüler und Trainingspartner von Al Dacascos, in den 70er Jahren entwickelt wird. Si Fang lässt sich mit "Vier Himmelsrichtungen" übersetzen und Chuan mit Faust.

Das Shi Chuan Pai Kung Fu wird Anfang 2000 mit Hilfe von Jürgen Gatzen und Peter Zuralski von Sifu Joseph Samonte entwickelt. Es enthält Elemente des Si Fang Chuan und solche anderer Systeme und verbindet klassische mit neuen, modernen Elementen.

IV) Shi Chuan Pai Kung Fu

Das Shi Chuan Pai Kung Fu enthält sowohl traditionelle Bausteine (Formen) als auch moderne (Pointfighting) und bei den Formen kommen sowohl sogenannte "harte" als auch "weiche" vor. Insofern finden wir hier das Bestreben wieder, Elemente aus verschiedenen Systemen miteinander zu verbinden und so die jeweiligen Stärken zu nutzen. Wir finden im Shi Chuan Pai Kung Fu außerdem die Disziplinen Bodenkampf, die dem brasilianischen Gracie-Jiujitsu angelehnt ist, Selbstverteidigung, die ein realitätsbezogenes, angreiferorientiertes Repertoire trainiert und die Disziplin Waffen, die klassische, chinesiche Waffenformen ebenso berücksichtigt wie z. B. den modernen philippinischen Stockkampf (Arnis).

Das Shi Chuan Pai kann und will seine japanischen Einflüsse nicht verleugnen. So wird der Trainingsraum Dojo (jap.) genannt und die Trainingskleidung ist nicht die traditionelle, chinesische Kleidung, sondern der Gi (jap.), das sind Jacke und Hose, über die je nach Graduierung ein farbiger Gürtel getragen wird.

Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang noch zwei Personen, nämlich Funakoshi Gichin (Im Chinesischen und im Japanischen werden zuerst die Familiennamen und dann die Vornamen genannt.), den Begründer des Karates in Japan, der mit seinem Shotokan Stil indirekt über das Kajukenbo Einflüsse auf das Shi Chuan Pai ausübt und ebenso Yamagushi Gogen, der mit dem von ihm entwickelten Goyu ryu einer der Begründer des japanischen Karate-Dachverbandes ist.

Besondere Bedeutung gewinnt das Shi Chuan Pai durch seine deeskalativen Elemente. Dadurch unterscheidet es sich erheblich in der Zielsetzung und in der Praxis von vergleichbaren Kampfkünsten.

Sifu Detlef